WIE DER Bär nach Dessau kam

EIn Artikel der Mitteldeutschen Zeitung

von Redakteur Claus Blumstengel (1. März 2008)

 

"Sputnik", wie die ersten Satelliten der einstigen Sowjetunion, hieß auch der erste Braunbär des Lehrparks für Tier- und Pflanzenkunde in Dessau, dessen Bau vor 50 Jahren, am 7. März 1958 begann. Dass die Besucher des Tierparks schon sechs Monate später einen Braunbären bestaunen konnten, verdankten sie Jutta Hoffmann, einer jungen Kindergärtnerin aus Dessau. Jede Einzelheit dieser schier unglaublichen Geschichte ist Jutta Skowronnek, wie sie heute heißt, noch gut im Gedächtnis.

 

Bär am Flugplatz

 

Damals leitete sie einen Kindergarten in Zerbst. Von einer Freundin, die Dolmetscherin war, erfuhr sie, dass auf dem nahen sowjetischen Militärflugplatz ein Braunbär frei herumläuft. Ein Offizier hatte das Jungtier in Sibirien im Wald gefunden und aufgezogen. Als der Mann in Minsk ins Flugzeug nach Zerbst steigen wollte, klammerte sich der junge Bär derart an ihm fest, dass der Offizier ihn einfach mitnahm.

 

Doch auf dem Zerbster Flugplatz trieb der Bär allerhand Schabernack, stahl die Wäsche von der Leine, legte sich auf Kinderwagen der Offiziersfrauen, und tanzte umher, wenn ihm die Offiziere Likör gegeben hatten. "Der Bär muss weg", entschied der Kommandant.

 

"Wir könnten einen Bären gut gebrauchen", erklärte ein Bekannter, der den Dessauer Tierpark mit aufbaute und dem Jutta Skowronnek die Geschichte erzählt hatte. "Kauf ihn doch", forderte er sie auf. Mit Hilfe ihrer Dolmetscher-Freundin feilschte sie mit dem Kommandanten lange um den Preis, den sie schließlich auf 450 Mark herunter handelte.

 

Den 26. August 1958 wird Jutta Skowronnek nie vergessen. Man hatte auf dem Flugplatz die Abwesenheit des Bären-Besitzers abgewartet. Soldaten brachten den Braunbären nun zur Übergabe auf die Zerbster Breite, mitten in die Stadt, "Er hatte die Größe eines Bernhardiners und war mit seinem weißen Kragen so hübsch, dass ich ihn sofort in Herz schloss", berichtete die Dessauerin. Sie nahm die Kette und Sputnik trottete willig mit ihr quer druch die Stadt zu ihrem möbilierten Zimmer in der Friedensallee. Dort allerdings traf ihre nichts ahnende Zimmerwirtin fast der Schlag.

 

Der ebenso ahnunglose LKW-Fahrer eines Fuhrunternehmens ließ sich nur mit Mühe überreden, einen Balken an die Ladefläche zu stellen, auf dem der Bär dann hinaufkletterte. Unterwegs wollte Meister Petz durch ein Loch in der Plane entwischen. Ein Militärfahrzeug der Sowjets stoppte den LKW. Die Soldaten, die den Bärenkopf gesehen hatten, lösten das Tier aus der Kette, in der er sich verheddert hatte. Mit den Worten "Mischka haben Angst" forderten sie Jutta Skowronnek auf, sich zu dem Tier auf die Ladefläche zu setzen. Als "Signalgeber" für den Fahrer reichten sie ihr einen Stock.

 

"Wir waren kurz vor Dessau, da wollte Sputnik wieder vom LKW klettern", berichete die Seniorin. "Ich musste ihn wieder und wieder an den Hinterbeinen zurückziehen, doch er wurde immer wütender und hatte schließlich schon Schaum vor dem Maul." Nun bekam die zierliche Frau doch Angst und klopfte am Fahrerhaus.

 

Der Fahrer hielt kurz hinter dem Waggonbau. Beide entschieden, die letzten Meter bis zum Lehrpark zu Fuß zurückzulegen. Ein Moppedfahrer, den Skowronnek anhielt und fragte, ob er helfen würde, den Bären vom LKW zu bekommen, suchte schnell das Weite. Doch da war Sputnik schon allein herunter geklettert. Die junge Frau führte ihn an der Kette zur Lehrparkverwaltung. Er bekam eine vorläufige Unterkunft in einer Vogelvoliere mit gemauerten Häuschen. 

 

"Ich hatte mich so gefreut, dass Dessau einen Lehrpark bekommt und wollte beim Aufbau mithelfen", erklärt Skowronnek, die später den Kindergarten des Elmowerkes in Dessau leitete, ihre tollkühne Aktion. "Heute würde ich das nicht mehr machen. Ich wusste damals ja nicht einmal, dass Bären auf Bäume klettern", wundert sich Jutta Kowronnek über ihren Mut. Das Geld für den Bären habe sie anschließend zurückbekommen.

 

Kein Happy End

 

Später im Bärenzwinger bekam Sputnik eine Bärendame aus Bernburg. Doch seine Geschichte hat kein Happy End. Eines Tages entwischten beide Braunbären über den zugefrorenen Wassergraben, rissen im Tierpark einige Schafe und mussten erschossen werden.